Dienstag, 10. Februar 2009

Verrückte Japaner

MENTAL / SEISHIN (Forum)

Der japanische Dokumentarfilmer Soda Kazuhiro hat 2006 seinen Erstlingsfilm CAMPAIGN im Forum der Berlinale präsentiert. In diesem Jahr überzeugt er mit seinem zweiten Werk in, wie er es nennt, „teilnehmender Beobachtung“.

MENTAL ist ein kommentarloser Film über das Selbsthilfeprojekt Chorale in Okayama. Hier finden psychisch erkrankte Menschen, die in der japanischen Gesellschaft nicht mehr „funktionieren“, eine Anlaufstelle. Soda nimmt sich viel Zeit mit den so genannten „Verrückten“ vor der Kamera zu sprechen. Die haben unglaubliche Krankheitsgeschichten zu berichten. In Japan gehört es sich nicht, Gefühle offen zu zeigen. Deshalb ist es immer wieder befremdlich, wenn die Patienten scheinbar emotionslos über ihre intimsten Probleme und Ängste sprechen. „Es scheint einen unsichtbaren Vorhang zu geben, der die psychisch Kranken von den gesunden Menschen trennt. Diesen Vorhang möchte ich zur Seite schieben“ sagt Soda, der als Student selbst unter dem „burnout syndrome“ litt. „Die moderne japanische Gesellschaft ist angefüllt mit Druck und Stress. Ich habe einige Freunde und Kollegen die davon krank wurden und sogar an Selbstmord dachten“.

MENTAL ist ein ruhiges und feinfühliges Institutionenportrait, dass einen gleich zu Beginn des zu erwartenden Filmrausches der Berlinale für 135 Minuten auf den Boden der Realität zurück holt.

Absolut brav

ABSOLUTE EVIL (Panorama)
Regie: Ulli Lommel. Mit: Rusty Joiner, Carolyn Neff, Ulli Lommel.

Fassbinder Veteran Ulli Lommel hat in seiner bewegten Filmkarriere als Schauspieler, Regisseur und Produzent schon viele schön schreckliche Genre Filme gemacht. Unvergessen wie er in DIE ZÄRTLICHKEIT DER WÖLFE Kurt Raab als Serientöter Haarmann in schlanke Männerhälse beißen ließ. Mit dem Slasher THE BOOGEYMAN machte sich Lommel 1980 gar Hollywood gefügig.

Wenn nun ein neuer Film vom Lommel mit dem vielversprechenden Titel ABSOLUT EVIL im Panorama der Berlinale läuft, weckt das natürlich Erwartungen. Doch der Krimi um den Tod eines strammen jungen Mannes mit dem Spitznamen Babyface entpuppt sich als unnötig unübersichtlich strukturierte Schnitzeljagd ohne Höhepunkte und mit dem unglücklich amateurhaften Charme eines Homemovies.

Die durch Tarantinos KILL BILL zu neuen Ehren gekommene B-Film-Ikone David Carradine spielt in einer Nebenrolle müde einen noch müderen Gang-Leader im Rollstuhl. Und Lommel selbst kommt als folternder Privatdetektiv auch nicht besonders evil rüber. Echt Schaaade.

NAZI TRASH POTENTIAL

Auf dem Filmmarkt der Berlinale ist der vielversprechende norwegische Nazi-Zombie Film DEAD SNOW zu sehen. Weil ich aber nur eine Akkreditierung als Journalist habe, kam ich da nicht rein. Schließlich könnte ich potenziellen Filmeinkäufern den Sitzplatz weg nehmen.

Da ich nun Lust auf Nazi-Trash bekommen hatte, war ich in dem Wettbewerbsbeitrag DER VORLESER, in dem Kate Winslet eine verliebte KZ-Wärterin mit dem Charme einer Bierkutscherin spielt. Das einzige Trash-Potential, das der gediegene VORLESER vielleicht hat, ist der ausgestellte deutsche Akzent, den alle Schauspieler ihren englischen Dialogen verpassen. Bernhard Schlink, der Autor der Romanvorlage, nannte das auf der anschließenden Pressekonferenz „deutsches Englisch“.

Nazi-Trash ist ja, wie wir in Marcus Stigleggers Artikel in epd FILM 1/09 gelernt haben, das nächste große Ding. Nach dem langweilig seriösen OPERATION WALKÜRE warten wir deshalb alle gespannt auf Quentin Tarantinos Beitrag zur deutschen Vergangenheitsbewältigung INGLORIOUS BASTERDS, der soeben in Berlin abgedreht wurde und im August dieses Jahres starten soll.

Wo wir gerade beim Thema sind (und von der Redaktion zu multimedialen Spielereien aufgefordert wurden), möchte ich diese Gelegenheit schamlos ausnutzen und den Film bewerben, den Thilo Gosejohann über mein Theaterstück CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER gemacht hat. Hier der Trailer:


Die Weltpremiere wird am 06.03.2009 in der Weltstadt Gelsenkirchen im Schauburg Filmpalast gefeiert.

Leidensfähig in Hong Kong

THE BEAST STALKER
Regie: Dante Lam. Mit Nicholas Tse, Nick Cheung, Zhang Jingchu u.a.
Der junge Sergant Tong Fei jagt mit seinen Mannen den schon lange gesuchten Kriminellen Cheung Yat-tung im undurchdringlichen Straßendschungel von Hong Kong. Bei einer Verfolgungsjagd kommt es zu einem folgenschweren Autounfall bei dem der Gejagte ins Koma verfällt und die kleine Tochter der Staatsanwältin Ann Ko ums Leben kommt. Als der skrupellose Profikiller Hung King die zweite Tochter der Staatsanwältin entführt um seinen aus dem Koma erwachten Boss Cheung Yat-tung freizupressen, macht sich Sergant Tong Fei auf, das Mädchen zu retten. Den Tong Fei plagen massive Schuldgefühle. Er glaubt verantwortlich für den Tod von Ann Kos Tochter zu sein.

Überhaupt wird viel gelitten von allen Beteiligten in diesem verschachtelten Action-Drama von Dante Lam. Mit seinem Focus auf der Leidensfähigkeit seiner Protagonisten erinnert THE BEAST STALKER manchmal an amerikanische Folterfilme wie HOSTEL oder SAW. Auch ästhetisch orientiert sich der Film in seiner Grobkörnigkeit mehr am modernen Horrorkino. Der gruselige Kidnapper Hung King bewegt sich zackig wie eine Mordmaschine, ist auf einem Auge blind und hat ein vernarbt entstelltes Gesicht. Doch um beinharte Horror-Fans befriedigen zu können, ist der Film dann doch nicht blutig genug. Sonst wäre er schließlich nicht im Rahmen der Berlinale zu sehen.

Poesie mit dem Holzhammer

LAND OF SCARECROWS / HEOSUABIDEULEUI DDANG (Forum)
Regie: Roh Gyeong-Tae. Mit: Kim Sun-Young, Phuong hi-Bich, Jung Du-Won. Republik Korea/Frankreich 2008.

Ji-Young ist eine zurückgezogen lebende Installationskünstlerin. Sie wohnt in einer von Umweltgiften verseuchten Gegend und gibt sich als Mann aus. Ji-Young fährt auf die Phillipinen um dort über eine Heiratsvermittlung eine Frau, die schüchterne Rain, zu ehelichen. Doch daheim im vergifteten Brachland findet die verdutzte Rain schnell heraus, das es sich bei ihrem Bräutigam um eine Frau in Männerkleidung handelt. Sie läuft davon und trifft auf Ji-Youngs früheren Adoptivsohn, der auf der Suche nach seinem Vater ist.

Sicher hätte man aus der herrlich verschrobenen Geschichte auch eine ausgelassene Transgender-Komödie machen können. Doch der zweite Film des Koreaners Roh Gyeong-Tae ist anstrengend prätentiöses Kunstkino, das sich selbst viel zu ernst nimmt und die Geduld des Zuschauers mit langen statischen Einstellungen und Holzhammer-Poesie strapaziert. Da hat man nichts zu Lachen.

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