Hey Ho, Let`s Go!

JButtgereit
Warum mag man eigentlich die Berlinale? Als Pressefritze ist man es schließlich gewohnt, in halbleeren Kuschelkinos mit Freigetränken abgefüllt zu werden und Sondervorführungen von brandneuen Filmen umsonst genießen zu dürfen.

Bei der Berlinale hingegen, muss man 60,00 Euro Akkreditierungsgebühr für ein Plastikkärtchen zahlen, ewig anstehen und in überfüllten Kinos hocken in denen die von den internationalen Festivalgästen eingeschleppten exotischen Vogelgrippeviren von der Klimaanlage umgewälzt werden. Um Filmstars und Filmemeacher livehaftig zu bewundern brauchen wir in Berlin die Berlinale auch nicht. Denn mindestens einmal wöchentlich flitzen hier Weltstars wie Brad Pitt oder Tom Cruise über den roten Teppich am Potsdamer Platz um ihre aktuellen Filme zu bewerben.

Ich hoffe ihnen die Frage, warum ich mich trotzdem auf die Berlinale freue, in den nächsten Tagen beantworten zu können. Hoffentlich.
JButtgereit - 7. Feb, 16:52

Erster toller Film

Verrückte Japaner
MENTAL / SEISHIN (Forum)

Der japanische Dokumentarfilmer Soda Kazuhiro hat 2006 seinen Erstlingsfilm CAMPAIGN im Forum der Berlinale präsentiert. In diesem Jahr überzeugt er mit seinem zweiten Werk in, wie er es nennt, „teilnehmender Beobachtung“.

MENTAL ist ein kommentarloser Film über das Selbsthilfeprojekt Chorale in Okayama. Hier finden psychisch erkrankte Menschen, die in der japanischen Gesellschaft nicht mehr „funktionieren“, eine Anlaufstelle. Soda nimmt sich viel Zeit mit den so genannten „Verrückten“ vor der Kamera zu sprechen. Die haben unglaubliche Krankheitsgeschichten zu berichten. In Japan gehört es sich nicht, Gefühle offen zu zeigen. Deshalb ist es immer wieder befremdlich, wenn die Patienten scheinbar emotionslos über ihre intimsten Probleme und Ängste sprechen. „Es scheint einen unsichtbaren Vorhang zu geben, der die psychisch Kranken von den gesunden Menschen trennt. Diesen Vorhang möchte ich zur Seite schieben“ sagt Soda, der als Student selbst unter dem „burnout syndrome“ litt. „Die moderne japanische Gesellschaft ist angefüllt mit Druck und Stress. Ich habe einige Freunde und Kollegen die davon krank wurden und sogar an Selbstmord dachten“.

MENTAL ist ein ruhiges und feinfühliges Institutionenportrait, dass einen gleich zu Beginn des zu erwartenden Filmrausches der Berlinale für 135 Minuten auf den Boden der Realität zurück holt.

JButtgereit - 10. Feb, 09:24

NAZI TRASH POTENTIAL

Auf dem Filmmarkt der Berlinale ist der vielversprechende norwegische Nazi-Zombie Film DEAD SNOW zu sehen. Weil ich aber nur eine Akkreditierung als Journalist habe, kam ich da nicht rein. Schließlich könnte ich potenziellen Filmeinkäufern den Sitzplatz weg nehmen.

Da ich nun Lust auf Nazi-Trash bekommen hatte, war ich in dem Wettbewerbsbeitrag DER VORLESER, in dem Kate Winslet eine verliebte KZ-Wärterin mit dem Charme einer Bierkutscherin spielt. Das einzige Trash-Potential, das der gediegene VORLESER vielleicht hat, ist der ausgestellte deutsche Akzent, den alle Schauspieler ihren englischen Dialogen verpassen. Bernhard Schlink, der Autor der Romanvorlage, nannte das auf der anschließenden Pressekonferenz „deutsches Englisch“.

Nazi-Trash ist ja, wie wir in Marcus Stigleggers Artikel in epd FILM 1/09 gelernt haben, das nächste große Ding. Nach dem langweilig seriösen OPERATION WALKÜRE warten wir deshalb alle gespannt auf Quentin Tarantinos Beitrag zur deutschen Vergangenheitsbewältigung INGLORIOUS BASTERDS, der soeben in Berlin abgedreht wurde und im August dieses Jahres starten soll.

Wo wir gerade beim Thema sind (und von der Redaktion zu multimedialen Spielereien aufgefordert wurden), möchte ich diese Gelegenheit schamlos ausnutzen und den Film bewerben, den Thilo Gosejohann über mein Theaterstück CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER gemacht hat. Hier der Trailer:


Die Weltpremiere wird am 06.03.2009 in der Weltstadt Gelsenkirchen im Schauburg Filmpalast gefeiert.

JButtgereit - 10. Feb, 09:26

Absolut Brav

ABSOLUTE EVIL (Panorama)
Regie: Ulli Lommel. Mit: Rusty Joiner, Carolyn Neff, Ulli Lommel.

Fassbinder Veteran Ulli Lommel hat in seiner bewegten Filmkarriere als Schauspieler, Regisseur und Produzent schon viele schön schreckliche Genre Filme gemacht. Unvergessen wie er in DIE ZÄRTLICHKEIT DER WÖLFE Kurt Raab als Serientöter Haarmann in schlanke Männerhälse beißen ließ. Mit dem Slasher THE BOOGEYMAN machte sich Lommel 1980 gar Hollywood gefügig.

Wenn nun ein neuer Film vom Lommel mit dem vielversprechenden Titel ABSOLUT EVIL im Panorama der Berlinale läuft, weckt das natürlich Erwartungen. Doch der Krimi um den Tod eines strammen jungen Mannes mit dem Spitznamen Babyface entpuppt sich als unnötig unübersichtlich strukturierte Schnitzeljagd ohne Höhepunkte und mit dem unglücklich amateurhaften Charme eines Homemovies.

Die durch Tarantinos KILL BILL zu neuen Ehren gekommene B-Film-Ikone David Carradine spielt in einer Nebenrolle müde einen noch müderen Gang-Leader im Rollstuhl. Und Lommel selbst kommt als folternder Privatdetektiv auch nicht besonders evil rüber. Echt Schaaade.

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