Hey Ho, Let`s Go!

Warum mag man eigentlich die Berlinale? Als Pressefritze ist man es schließlich gewohnt, in halbleeren Kuschelkinos mit Freigetränken abgefüllt zu werden und Sondervorführungen von brandneuen Filmen umsonst genießen zu dürfen.
Bei der Berlinale hingegen, muss man 60,00 Euro Akkreditierungsgebühr für ein Plastikkärtchen zahlen, ewig anstehen und in überfüllten Kinos hocken in denen die von den internationalen Festivalgästen eingeschleppten exotischen Vogelgrippeviren von der Klimaanlage umgewälzt werden. Um Filmstars und Filmemeacher livehaftig zu bewundern brauchen wir in Berlin die Berlinale auch nicht. Denn mindestens einmal wöchentlich flitzen hier Weltstars wie Brad Pitt oder Tom Cruise über den roten Teppich am Potsdamer Platz um ihre aktuellen Filme zu bewerben.
Ich hoffe ihnen die Frage, warum ich mich trotzdem auf die Berlinale freue, in den nächsten Tagen beantworten zu können. Hoffentlich.
i-public - 5. Feb, 15:30
Erster toller Film
MENTAL / SEISHIN (Forum)
Der japanische Dokumentarfilmer Soda Kazuhiro hat 2006 seinen Erstlingsfilm CAMPAIGN im Forum der Berlinale präsentiert. In diesem Jahr überzeugt er mit seinem zweiten Werk in, wie er es nennt, „teilnehmender Beobachtung“.
MENTAL ist ein kommentarloser Film über das Selbsthilfeprojekt Chorale in Okayama. Hier finden psychisch erkrankte Menschen, die in der japanischen Gesellschaft nicht mehr „funktionieren“, eine Anlaufstelle. Soda nimmt sich viel Zeit mit den so genannten „Verrückten“ vor der Kamera zu sprechen. Die haben unglaubliche Krankheitsgeschichten zu berichten. In Japan gehört es sich nicht, Gefühle offen zu zeigen. Deshalb ist es immer wieder befremdlich, wenn die Patienten scheinbar emotionslos über ihre intimsten Probleme und Ängste sprechen. „Es scheint einen unsichtbaren Vorhang zu geben, der die psychisch Kranken von den gesunden Menschen trennt. Diesen Vorhang möchte ich zur Seite schieben“ sagt Soda, der als Student selbst unter dem „burnout syndrome“ litt. „Die moderne japanische Gesellschaft ist angefüllt mit Druck und Stress. Ich habe einige Freunde und Kollegen die davon krank wurden und sogar an Selbstmord dachten“.
MENTAL ist ein ruhiges und feinfühliges Institutionenportrait, dass einen gleich zu Beginn des zu erwartenden Filmrausches der Berlinale für 135 Minuten auf den Boden der Realität zurück holt.